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Brief an einen Elefanten.

Liebe Nam Phun,

wenn ich eines Tages alt, fett, blind und vergesslich werde, wird die Erinnerung daran, wie ich zum ersten Mal auf deinem Rücken saß, als eine der letzten verblassen. Daran, wie ich mich an deinem Ohr hochziehen darf, ohne dass du protestiert hättest. Wie du meine Füße ein bisschen mit deinem Vorderbein nachschiebst, um mir hoch zu helfen. Das Gefühl von deinen Borsten, die mir an den Füßen scheuern. Wie du schon nach sehr kurzer Zeit auf mein Kommando hörst, mir meine Schuhe nachzureichen, die ich auf dem Boden vergessen habe.

Dabei bin ich doch so klein neben dir.

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Oder das Kommando, dich ein bisschen gegen die Palme zu lehnen, damit ich die Kokosnuss pflücken kann. Mich beschleicht ein sehr zärtliches Gefühl, wenn ich an die Haare an deiner Unterlippe denke und deine Schrumpelhaut, die du so gern unter dickem Schlamm versteckst. Besonders an der Stelle hinter den Ohren, wo ich sitze. Von dort kann ich die Haare auf deinem Hinterkopf zählen, es sind gar nicht viele, wie der Schädel einer Oma, als wären dir der Großteil ausgefallen.

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Du bewegst dich so langsam, dass jedes Rollator Mütterchen spielend an dir vorbeiziehen könnte. Alles an dir sieht aus, als warst du 1000 Jahre alt, als hättest du so viel erlebt, dass es für 5 Leben reichen würde und dass 3 Hirne es nicht behalten könnten. Nicht nur gute Erinnerungen, hm? Du bist ja nicht umsonst hier im Auffangcamp. Ich weiß nicht genau, was dein Vorbesitzer mit dir gemacht hat, aber du hättest jeden Grund, alle Menschen um dich niederzutrampeln. Tust du aber nicht. Wenn ich in deinem Stall melonengroße Köddel wegschaufel, schaust du dich vor jedem Schritt, den du machst, nach mir um. Und das alles rührt mich zu Tränen.

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Seit 3 Wochen kennen wir uns jetzt. 3 Wochen habe ich jeden Morgen Ananas und Bananenbäume für dich geerntet, einen ganzen Trecker voll. Du hast die komplette Ladung gefressen, als wärst du innen ganz hohl. Und bist dabei ein bisschen vor und zurück gewackelt, weil du dich gefreut hast. Wir waren jeden Tag zusammen baden, jedes Mal bist du so tief ins Wasser gegangen, dass du mich mitgebadet hast. Über der Wasseroberfläche war nur noch ein Stück grauer Berg zu sehen und hin und wieder ein bisschen hochgepustetes Wasser. Ein Gefühl, als würde man auf einem Blauwal sitzen. Und das schönste der Welt.

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Über die Gastautorin:

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Caroline Lohrmann (28, wohnt zur Zeit in Herford) berichtet auf shavethewhales.net von ihren Reisen, die sie immer wieder macht, obwohl sie zum Reisen wohl gar nicht so geeignet ist. Sie verläuft sich schnell, schläft schlecht in Dorms und Zügen, ist vergesslich. Jedes Hostel behält ein Stück von ihr, einen Socken unter der Bettdecke, Sonnenbrillen, Armbanduhren, einmal auch schon ihren Pass. Sie hinterlässt eine Spur, die sich über einen ganzen Kontinent erstreckt. Eigentlich wäre sie zu Hause am besten aufgehoben. Und trotzdem gibt da etwas, das sie immer wieder raus in die Welt zieht.

Originalpost:  http://shavethewhales.net/thailand-brief-an-einen-elefanten/

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Gesa Neitzel

Hallo! Schön, dass du da bist. Ich bin Gesa aus Berlin und mir gehört der Laden. Hier erzähle ich von meinen Reisen um die Welt und immer auch ein Stück mehr zu mir selbst.

... Ich möchte auch was dazu sagen:

Hierlang für noch mehr Abenteuer!schliessen
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