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Der Bootsmann.

Es lebte einst ein Bootsmann in Thailand. Es lebten eine Menge Bootsmänner in Thailand, um genau zu sein, aber diese Geschichte handelt von einem ganz bestimmten. Sein Boot lag vor der Andaman Küste. Und wenn ich sage „sein“ Boot, dann meine ich das. Genau so. Das Boot war seins. Es war schon ein sehr altes Boot, hatte seinem Vater gehört bevor es in seinen Beitz übergegangen war, aber dennoch: Das war sein Boot.

 

Und der Bootsmann verdiente sein Geld… nun ja… mit Boot fahren.

 

Tag ein, Tag aus schipperte er die Touristen vom Festland zu den abgelegenen Stränden Tonsai und Rai Leh. Der Job machte ihm nichts aus. Es war ein Job wie jeder andere und während er ihm nachging, dachte er ans Abendessen. Oder an seine Familie. Oder beides.

Und natürlich kannte er mittlerweile die Gesichter. Die schneeweißen Gesichter der Amerikaner und Europäer, die, hundemüde nach einer langen Busfahrt, vorne in seinem Boot hockten und es nicht fassen konnten, endlich an dem Ort angekommen zu sein, den sie das „Paradies“ nannten.

 

Der Bootsmann war schon oft über dieses Wort gestolpert: Paradies.

 

Ein Ort so wunderschön, dass er nicht von dieser Erde zu sein schien. Seine Heimat hatte er aber so nie gesehen. Er war an der Andaman Küste groß geworden, lernte das Fischen und wie er sein Boot zu lenken hatte, fand seine Frau in Ao Nang vor zwanzig Jahren, verlor zwei Cousins und seine Schwester als der Tsunami über sie herfiel und half, die Gegend wieder aufzubauen in den Jahren, die folgten. Es waren harte Jahre, ja wirklich, das waren die Schlimmsten. Und bis zum heutigen Tag fühlt sich der Bootsmann unwohl, auf diesen unsicheren Gewässern zu arbeiten. Doch verlassen könnte er sie nie. Dies war sein zu Hause. Nicht mehr, nicht weniger.

 

Aber das Paradies? Was war das Paradies?

 

Ja, den Bootsmann quälte diese Frage so lange und so sehr, dass er es sich eines sonnigen Tages nicht nehmen ließ, einen seiner Fahrgäste danach zu fragen. Einen jungen Backpacker, 25 Jahre alt, aus Deutschland, so stellte er sich vor. Sie waren gerade am Strand von Rai Leh angekommen, als der Backpacker seine Frage beantwortete.

„Ich weiß nicht… es… es ist einfach ein magischer Ort. Meinst du nicht?“

„Ein magischer Ort?“ fragte der Bootsmann.

„Ja, magisch halt. Das hier ist einer von den Orten, die du gesehen haben solltest bevor du stirbst. Also, nicht zwangsläufig diesen Ort hier. Aber einen von diesen Stränden, weißt du? Palmen, glasklares Wasser, weißer Sand… es ist… nun ja… es ist wunderschön, findest du nicht auch? Du hast sehr viel Glück. Du bist jeden Tag von Schönheit umgeben.“

Der Bootsmann dachte darüber nach, was der Backpacker gesagt hatte

und nickte zustimmend.

 

„Ich weiß auch nicht, Mann,“ fuhr da der Backpacker fort, als er sein Hab und Gut aus dem Boot hob und durch das flache Wasser ums Boot watete,“ Für mich ist das Leben einfach eine einzige wilde Fahrt, weißt du? Und ich will sie genießen! Ich will jeden Tag so leben, als er wäre es mein letzter, damit jeder Tag die Chance bekommt, der Schönste in meinem Leben zu werden! Darum bin ich hierher gekommen. Um diese Schönheit zu sehen. Und um die Fahrt zu genießen. Ich will später nicht bereuen müssen, etwas nicht gemacht zu haben, verstehst du?“

 

Der Bootsmann nickte erneut.

Die Unterhaltung war ihm sichtlich unangenehm.

 

„Aber was ist mit dir, Mann? Gibt es etwas was du gern gemacht hättest?“ fragte der Backpacker.

Der Bootsmann schwieg für eine Weile, fummelte am Kabel seines Motors herum und wünschte, er hätte den Backpacker bloß nie nach dem Paradies gefragt. Dann sagte er:

 

„Ich weiß nicht… Vielleicht hätte ich die Fahrt mehr genießen sollen.“

 

Dann startete der Bootsmann den Motor und fuhr davon durch glasklares Wasser, wie er es schon so viele Male zuvor getan hatte, und versuchte die letzten zehn Minuten aus seinem Gedächtnis zu streichen.

Doch vielleicht… ganz vielleicht genoss er dieses Mal die Fahrt.

Nur ein bisschen.

Zum ersten Mal in seinem Leben.

 

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Gesa Neitzel

Hallo! Schön, dass du da bist. Ich bin Gesa aus Berlin und mir gehört der Laden. Hier erzähle ich von meinen Reisen um die Welt und immer auch ein Stück mehr zu mir selbst.

  1. Torsten sagt:

    Bin gerade durch spiegelonline auf Deine Seite gestoßen. Die ersten Texte, die ich hier gelesen habe sind wirklich gelungen – ich denke, ich besuche Dich hier jetzt häufiger ;-)

  2. Lars sagt:

    If travel blogging is about making people wish to go out and explore the world, then this entry is the perfect example. Very well written

  3. Sensari sagt:

    Sehr schön!!!Gelungene Seite und ein zu Tränen rührender Text :)
    Danke!

  4. TravelBruce sagt:

    Hallo Gesa,
    ich bin gerade via Spiegel Online und auf der Recherche nach dem Design meines künftigen Weltreiseblogs über diese deine Seite gestolpert. Vor nicht einmal vier Wochen war ich an diesem Ort, Rai Leh und Tonsai Beach, und ich sehe deine Geschichte und die Bootsfahrer vor mir. Die kleinen Verhandlungen, Scherze und verlässliche Abkommen, die Gespräche und Erlebnisse, und das (respektvolle!) Aufeinandertreffen von zwei Welten, die zu beurteilen ich schon lange nicht mehr vermag.
    Spitzen Text!!

  5. Frank sagt:

    Genau..mit Achtsamkeit durch die Natur gehen und die Luft und das Leben bewusst leben !!!!!!!

    That’s magic …

  6. Urlaubsforum sagt:

    Ist das eine erfundene Geschichte?

  7. bedouinwriter sagt:

    Ja, der Bootsmann macht den Anfang als erste fiktive Reisegeschichte auf meinem Blog. In dieser Richtung sollen in Zukunft auch immer mal wieder Kurzgeschichten folgen.

... Ich möchte auch was dazu sagen:

Hierlang für noch mehr Abenteuer!schliessen
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