Johannes

Gespräch mit Johannes Klaus über The Travel Episodes.

Letzte Woche habe ich Johannes Klaus zu Hause besucht und ihm jede Menge Fragen über sein neues Projekt The Travel Episodes gestellt – die erste Scrollytelling-Plattform für Reiseberichte im Internet. Mich persönlich spricht diese Art des Geschichtenerzählens sehr an und ich wollte unbedingt mehr darüber erfahren – und mich außerdem endlich mal in der Wohnung umgucken.

 

Ein Gespräch über Scrollytelling, das Internet und den Reiz von persönlichen Geschichten.

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Gesa: Johannes. Was ist überhaupt Scrollytelling? Und was sind die Vorteile für mich als Leser?

Johannes: Beim Scrollytelling geht es darum, die verschiedenen Medien, Text, Foto, Video, miteinander zu verbinden, so dass ein Gesamtwerk entsteht. Der Vorteil ist, dass man immer genau das Medium nutzen kann, das in der jeweiligen Situation am Besten passt. Manche Situationen sind besser im Video rüberzubringen, andere in Text oder mit Grafiken. Das alles zu verbinden schafft die Möglichkeit eine ganz fein abgestimmte Geschichte zu erzählen. Durch das Scrollen entsteht ein ungestörter Erzählfluss – ich finde das ist eine sehr angenehme Art, eine Geschichte zu erleben.

 

Gesa: Wie bist du auf die Idee gekommen? An welchem Beispiel hast du dich orientiert?

Johannes: Ich habe letztes Jahr eine Multimedia-Reportage der NY Times gelesen, es ging um den Konflikt im südchinesischen Meer. Sie setzten Video-Elemente ein, die die Stimmung sehr schön verstärkt haben. Das war schon die zweite Reportage, die sie in diesem Stil gemacht hatten. Für die erste ein Jahr zuvor hatten sie den Pulitzer-Preis gewonnen, diese hieß „Snow Fall“. Und ich dachte mir: Das passt wunderbar um Reiseberichte zu erzählen! Gar nicht unbedingt mit einem journalistischem Ansatz, sondern eher um persönliche Reiseberichte dem Leser so nah wie möglich zu bringen – in einer neuen Form, die sich von dem unterscheidet, was wir bereits gewohnt sind.

 

Gesa: Du hast ein Jahr gebraucht, um das Projekt umzusetzen – hattest du nicht wahnsinnig Angst, dass dir jemand zuvor kommt? 

Johannes: … Ja, doch. Ich wurde auch immer ungeduldiger und wollte, dass es endlich mal was wird. Aber ich hatte das Ziel, dafür einen Partner zu finden. Mit dem Piper Verlag habe ich – zum Glück! – begeisterte Mitstreiter gefunden.

 

TheTravelEpisodes-Start

 

Gesa: Was waren denn technische Herausforderungen bei der Idee?

Johannes: Die Programmierung war eine große Herausforderung. Aber auch inhaltlich ist es etwas Neues: Solche Berichte müssen anders gedacht werden, weil die Dramaturgie eher einem Film ähnelt als einem traditionellem Artikel.

 

Gesa: Wer wird in Zukunft bei The Travel Episodes schreiben und was muss ein Autor mitbringen?

Johannes: Das Format bietet sich für längere Geschichten an – man muss sich als Leser ein bisschen Zeit dafür nehmen. Gute Fotos sich wichtig, aber vor allem braucht es Video-Sequenzen, die unterschiedliche Zwecke erfüllen: Es können ruhige Videos sein, die im Hintergrund die Stimmung verstärken, und es können Videos sein, bei denen die Handlung weitergeführt wird oder ein Interview stattfindet. Das bedeutet dass ein Autor bereits im Vorfeld an viele Sachen denken muss, wenn er so eine Geschichte entwickelt. Die Autoren sind Reiseblogger und Reiseautoren, die darauf Lust haben und in der Lage sind diese Anforderungen zu erfüllen.

 

Gesa: Ein Autor ist also nicht mehr nur ein Autor, sondern er muss im Idealfall auch fotografieren und filmen können. 

Johannes: Genau. Manche Stories kommen auch mit weniger Video-oder Bildelementen aus, aber grundsätzlich muss alles vorhanden sein, um das Format zu füllen.

 

somaliland

 

Gesa: Ich nehme an, du als Herausgeber wirst dann ja an jeder Geschichte noch maßgeblich beteiligt sein, weil du sie für die Seite aufbereiten musst? 

Johannes: Ich bin da natürlich stark integriert, klar, weil viele Autoren so etwas noch nicht gemacht haben. Das heißt, dass wir die Geschichte zusammen entwickeln und technisch umsetzen, weil dies nicht ganz so einfach ist, wie einen Blogbeitrag online zu stellen.

 

Gesa: Zum Aufbau der Seite: Was war dir bei der Gestaltung wichtig, um ein besonders angenehmes „Erlebnis“ für den Leser zu schaffen? 

Johannes: Das Layout ist darauf ausgelegt, dass das Auge längeren Artikeln angenehm folgen kann. Die erste Geschichte ist beispielweise recht lang, man braucht viel Zeit, um von vorne bis hinten alles zu lesen. Aber das ist einfach die Länge, die diese Geschichte braucht.

 

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Gesa:  Was war eigentlich vor der Reisedepesche? Das war ja ein Blog nur für deine Freunde und Familie, um sie auf dem Laufenden zu halten, aber war der Plan insgeheim schon da, irgendwann dein Geld damit zu verdienen? 

Johannes: Nein, überhaupt nicht. Ich hatte vorher auch nie ernsthaft geschrieben. Ich hatte immer viel fotografiert, aber für die lange Reise wollte ich meiner Familie und meinen Freunden die Möglichkeit geben, ein bisschen mitzureisen – und für mich selbst wollte ich ein Projekt haben, das mich auf der Reise beschäftigt.

 

Gesa: So geht es ja vielen von uns: ich glaube, die wenigsten haben sich im Vorfeld gedacht: Geil, ich mache eine Reiseblog und verdiene damit Geld, sondern wir haben das einfach aus Spaß an der Freude gemacht und irgendwann haben nicht mehr nur Mama und Papa mitgelesen, sondern fremde Menschen, die wir gar nicht kennen. Wo siehst du denn die Vorteile bei persönlichen Reisegeschichten? Warum interessiert das andere Menschen überhaupt? Worin liegt der Reiz?

Johannes: Mich reizt an persönlichen Geschichten, dass sie im Idealfall Ausschnitte aus dem echten Reiseleben sind. Vielleicht sogar eine Überschneidung mit meinen eigenen Reiseerfahrungen bieten. Ein Punkt, der mir bei den Reiseartikeln in Zeitungen und Magazinen oftmals fehlt – deshalb haben mich die gängigen Artikel auch nie besonders angesprochen. Ich glaube es liegt einfach daran, dass die subjektive Sichtweise mich mehr in die Geschichte zieht und die Erlebnisse viel näher dran sind an den eigenen Erfahrungen und den Gedanken, die ich mir selbst mache. Das ist ein wichtiger Grund, weshalb die Menschen persönliche Blogs und Geschichten lesen, weil sie sich selbst darin wiederfinden.

 

Gesa: Was war dein Antrieb, The Travel Episodes umzusetzen? Warst du gelangweilt vom Bloggen? 

Johannes: Ich bin dessen tatsächlich manchmal etwas überdrüssig. Ich blogge schon ein paar Jahre und Scrollytelling ist einfach etwas Neues, was mich gepackt hat, wo ich richtig Lust drauf habe. Mich fasziniert diese Form, Geschichten zu erzählen.

 

Gesa: Was macht eine Reisegeschichte rund für dich? Was braucht es, damit du einen Artikel zu Ende liest? 

Johannes: Das ist schwierig in Worte zu fassen. Ich versuche auf meinem Blog immer die Leser zu überraschen. Das finde ich sehr wichtig, weil nichts langweiliger ist, als immer wieder das Gleiche vorgesetzt zu bekommen: Also, gleicher Aufbau, gleiche Ansprache des Lesers, gleiche Tonalität im Erzählen. Ich hab immer gern andere Stile, andere Perspektiven ausprobiert und finde das nebenbei auch viel spaßiger für mich selbst. Es gibt ganz verschiedene Erzählstile, die funktionieren – aber es muss vorher eine gute Geschichte geben, egal wie man sie einkleidet.

 

Gesa:  Es muss also eine Geschichte sein, die so noch nicht da gewesen ist?

Johannes: Ja, aber das muss nicht immer eine große, spannende Geschichte sein, sondern wichtiger ist, dass sie rund ist und einen dramaturgischen Bogen hat. Nicht nur eine chronologische Erzählung von Ereignissen, sondern es muss auch noch eine Idee dahinter stecken, die man vermitteln möchte.

 

Gesa: Machen wir in Zukunft alle Scrollytelling?

Johannes: Ich denke, das ist gar nicht das, was man immer sehen will. Ich sehe es als eine tolle Ergänzung der Formen, wie man Reiseberichte, vor allem auch längere Berichte, konsumieren kann und das ist eine schöne Sache. Aber es ist nichts, was ich jetzt ausschließlich sehen möchte.

 

Gesa: Wir werden nicht alle auf den Zug mit aufspringen, meinst du?

Johannes: Nein, bestimmt nicht. Für mich ist es wichtig, mich weiterzuentwickeln und zu schauen, was ich für Möglichkeiten habe, um nicht immer das Gleiche zu machen. Aber es ist auch nur eine von vielen Richtungen, in die man gehen kann. Ich habe das Gefühl, dass im Internet noch viel mehr Potential ist, als momentan genutzt wird, gerade was das Geschichten erzählen angeht. Aber das ist nur meine Sicht auf die Dinge. Wie das ein Reisender sieht, der sich ab und an mal ein paar Blogs anschaut, ist noch eine ganz andere Frage. Vielleicht ist für den der Bedarf bereits gedeckt.

 

Gesa: Letzte Frage: Was braucht das Internet?

Johannes: Ich fände es schön, wenn wir Wege finden, längere Formate so aufzubereiten, dass man diese mit Freude im Internet konsumieren kann. Denn es ist ja durchaus anstrengender als beispielsweise ein Buch zu lesen. In diese Richtung kann man noch viel verbessern und neue Ideen umsetzen. Dass längere Inhalte spannend produziert werden, da würde ich mir noch mehr Experimente wünschen.
 
Vielen Dank für das nette Gespräch, Johannes. Und ich möchte bitte noch erfahren, wo ihr euren Kaffee kauft. Der war ausgezeichnet. 

Copyright-Hinweis: Die Bilder habe ich dir von der Travel Episodes-Facebookseite geklaut. Hoffe, das geht in Ordnung :-)
 

Hierlang für die erste Reportage aus Somaliland:
The Travel Episodes

 

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Gesa Neitzel

Hallo! Schön, dass du da bist. Ich bin Gesa aus Berlin und mir gehört der Laden. Hier erzähle ich von meinen Reisen um die Welt und immer auch ein Stück mehr zu mir selbst.

  1. Nina sagt:

    Und wo ist nun der Kaffee her? :D

  2. Johannes sagt:

    Die beinahe selbstgepflückten Kaffeebohnen aus dem Hochland Äthiopiens wurden nach dem Verfahren meines Großvaters in Berlin (!) geröstet, was dem Kaffee – neben all der Liebe – das unnachahmliche Aroma schenkt.

    Gibt’s bei Penny.

  3. ulla klaus sagt:

    Interessantes, aufschlussreiches und differenziertes Interview…!

  4. […] – mit allen Möglichkeiten, die das Internet bietet. Weiterer Lesestoff sowie ein lesenswertes Interview zum neuesten Projekt. 1. Rucksack oder Koffer? Wenn es reicht: ein Tagesrucksack. 2. Das muss es an […]

  5. […] Reisedepeschen einen Namen gemacht hat. Inspiriert wurde Johannes Klaus – wie er in einem Gespräch mit der Reisebloggerin Gesa Neitzel verrät – von den Multimedia-Reportagen der NY Times Snow […]

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Hierlang für noch mehr Abenteuer!schliessen
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