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Ich bin jung, ich habe die Wahl.

Ich bin jung, ich habe die Wahl. Diese Welt kann mir so vieles schenken.

Mir geht es gut. Ich habe das Glück für mich selbst frei zu denken.

Ich bin nicht reich, aber auch nicht arm. Ich habe alles, was ich brauche.

Ich lebe in einer guten Welt, kann alles erreichen und zu allem laufen.

 

Ich kann tun, was ich will. Alle Dinge dieser Welt.

Kann für mich selbst frei entscheiden, wo mein Lebensweg hinfällt.

Ich kann meinen Beruf neu erfinden, fremde Länder bereisen.

Ich kann Kinder kriegen und mich als Abenteurer beweisen.

 

Ich bin jung, ich habe die Wahl. Welch ein Privileg.

Wie viele Menschen auf dieser Erde würden sterben für diesen Weg?

Ich bin jung, ich habe die Wahl. Doch genau das ist mein Problem.

Ich kann einfach nicht entscheiden: „Wohin möchte ich gehen?“

 

Ich weiß, ich habe es gut. Ich sollte mich freuen.

Aber ich bin überfordert. Ich will doch nichts bereuen.

Ich habe so viele Chancen und fühle mich doch trist.

Denn woher soll ich auch wissen, was gut für mich ist?

 

Wie soll ich entscheiden, was ich tun will im Leben?

Woher soll ich denn wissen, was Fluch ist und was Segen?

Wer kann mir schon sagen, was das Beste für mich ist?

Was soll ich machen, damit mich später auch jemand vermisst?

 

Damit ich wichtig bin im Leben. Und etwas erreiche.

Damit ich meine Chancen nutze und die Zeit nicht einfach verstreiche.

Ich bin jung, ich habe die Wahl. Und ich kann mich nicht entscheiden.

Es gibt so viele Wege und ich würd am liebsten alles meiden.

 

Ich würd lieber einfach wegrennen. Mich verstecken irgendwo.

Doch ein Leben heutzutage ist vermutlich einfach so.

Ich habe Angst, mich zu entscheiden und fühl mich undankbar.

Ich habe Angst, später zu merken, dass es die falsche Entscheidung war.

 

Dass ich nicht glücklich bin im Leben und mit der ganzen Welt.

Dass mir meine heutige Entscheidung in zwanzig Jahren nicht mehr gefällt.

Dass ich die falschen Dinge lerne. Und das falsche sage.

Dass ich Chancen nicht nutze und mich später frage warum mein Leben nicht gradlinig läuft.

Warum sich statt Glück immer nur Unsicherheit häuft.

 

Ich bin jung, ich habe die Wahl. Und das macht mich verrückt.

Ich fühle mich durch meine Möglichkeiten einfach erdrückt.

Dabei fingen sie so gut an, die ersten Jahre meines Lebens.

Alles war klar und nichts war vergebens.

 

Alles hatte einen Sinn und führte mich zum Ziel.

Schule, Studium, Arbeit – nichts war mir zu viel.

Eigentlich ganz normal, doch dann begannen die Fragen.

Kann ich das wirklich mein Leben lang ertragen?

 

Ich bin jung, ich habe die Wahl. Und will sie gar nicht haben.

Ich habe es satt, diese ständigen Zweifel und Fragen.

Ich schaffe es nicht, so oft neu zu entscheiden.

Jeden Tag nicht zu wissen, ob ich gehen will oder bleiben.

 

Immer zu merken, dass die Zeit verrinnt.

Dass ich die Chance schon verliere noch bevor sie beginnt.

Ich warte zu viel ab, um Entschlüsse zu meiden.

Ich bin jung, ich habe die Wahl. Und ich kann mich nicht entscheiden.

 

 

geschrieben von Sarah Lorenz

 

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Sarah Lorenz ist 25 Jahre alt und wohnt in Erfurt. Wenn sie gerade mal nicht über ihr Leben grübelt, wandert sie gemeinsam mit ihrem Mini-Pony Egon durch Deutschland. Mit dabei sind außerdem ihr Mann und der gemeinsame Hund. Über ihre Erlebnisse berichtet sie auf ihrem Blog verwandert.de. Dort gibt sie auch Tipps für das Wandern mit Packtier und empfiehlt besonders schöne Routen und Unterkünfte.

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Gesa Neitzel

Hallo! Schön, dass du da bist. Ich bin Gesa aus Berlin und mir gehört der Laden. Hier erzähle ich von meinen Reisen um die Welt und immer auch ein Stück mehr zu mir selbst.

  1. Caroline sagt:

    Ich hab oft die gleichen Gedanken aber dann denk ich mir auch, dass das eben auch eine riesenfette Chance ist, so ein Leben, das wir haben. Bei mir zeigt sich immer, was richtig ist, wenn ich nur alles ausprobiere :)

    • Gesa sagt:

      Ich weiß, was du meinst, Caroline. Mir ging es lange Zeit so ähnlich wie Sarah. Mittlerweile sehe ich die Möglichkeiten, die früher noch erdrückend wirkten auch als reale Chancen. Aber das braucht Zeit. Und ich weiß nur zu gut, wie verloren du dich fühlen kannst, bis du endlich ein paar Antworten findest. Dranbleiben hilft. Und im Zweifel einfach für irgendwas entscheiden. Wenn’s falsch ist, kannst du wenigstens draus lernen.

  2. Nadja sagt:

    Auf den Punkt! Das Problem einer ganzen Generation in einem Gedicht. Ich kenne das Gefühl nur zu gut. Die vielen Möglichkeiten und Chancen können einen sehr schnell lähmen.

  3. Jasmin sagt:

    Aus meinem Herz gesprochen!

    Die ewige Qual der Wahl..Welches Studium..Welcher Job..Welche Karriere..Welches Leben??
    Werde ich Hausfrau..Werde ich fürimmerundewig Reisende..Werde ich Filmemacher..Spitzensportler..Schauspieler..Katzenmami..Hundemami..wirkliche Mami???

    Am Besten Alles! (und dann doch was ganz anderes)

  4. Alex sagt:

    Hallo Sarah und Gesa,

    ein toller Text! Ich finde mich darin sehr wieder. Besonders das Wort “undankbar” bleibt hängen. Oft ist es mir schon unangenehm, dass ich überhaupt solche Gedanken habe. Eben weil mir alles offen steht.

    Ich versuche inzwischen einfach, daran zu arbeiten, alles was ich habe und erlebe wirklich zu genießen. Eben dafür dankbar zu sein. Auch wenns vielleicht nicht alles ist, was ich haben könnte oder will :)

    Liebe Grüße
    Alex

  5. Aylin sagt:

    Liebe Sarah & liebe Gesa,

    es ist Privileg und Last der Generation Y, entscheiden zu können- und zu müssen. Natürlich ist es grandios, all diese Möglichkeiten- diese Chancen- leben zu dürfen. 1001 Weg gehen zu können. Dafür tragen wir aber auch die Verantwortung, die manchmal zu viel werden kann. Denn Scheitern wird in unserer Gesellschaft individualisiert.

    Trotzdem glaube ich fest daran, dass EINE Entscheidung immer besser als keine Entscheidung ist. Und im Rückblick sind doch alle Entscheidungen zu irgendwas gut ;-) und damit auch nicht falsch.

    Alles Gute beim weiteren Wandern mit Pony, liebe Sarah!

    Aylin

  6. […] ich schon einmal ein Gedicht als Gastartikel auf einem anderen Blog veröffentlicht habe, dachte ich, dieses Mal musst du da direkt hier durch. Wenn du keinen Bock auf […]

... Ich möchte auch was dazu sagen:

Hierlang für noch mehr Abenteuer!schliessen
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