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It’s kind of a travel story…

Meine Seite hat einen neuen Untertitel. Den da, ganz genau: It’s kind of a travel story. Zu deutsch: Es ist irgendwie eine Reise-Geschichte. Das trifft den Nagel nämlich auf den Kopf. Meine ist eine Reisgeschichte. Irgendwie. Denn wer meine Artikel kennt, weiß, dass das Reisen oftmals nur die Kulisse bildet.
 
Und dass es eine Reisegeschichte wurde, war auch eigentlich nie der Plan.
 

Ein Song war Schuld daran.

 

Halt mal. Wie jetzt. Kann ein Song das überhaupt? Schuld sein, meine ich? Nein. Wahrscheinlich nicht. Er kann nur im richtigen Moment auftauchen und auf einmal all die Dinge sagen, für die man bis dahin noch gar keine Worte hatte.
 
Schön verpackt mit Melodie und Instrumenten und so.

 

Mein Song tauchte im Herbst 2009 auf.

 

Ich war gerade nach neun Monaten Australien wieder in Berlin angekommen und hatte völlig unverhofft einen Studienplatz an der Freien Universität bekommen. Englisch und Publizistik.
 
Eigentlich hatte ich mich nur beworben, um nach meiner Rückkehr Anspruch auf Kindergeld zu haben. Dafür musste ich schließlich zunächst nur die Bewerbung vorweisen. Dass ich den Platz tatsächlich bekommen würde, das konnte ja keiner ahnen.

 

Der Numerus Clausus beider Studiengänge war in diesem Jahr schließlich so niedrig, dass nicht mal Tyrion Lennister darunter hätte Limbo tanzen können. Wer für sowas eine Zusage bekommt, der geht also bitte auch erstmal hin und guckt sich das an.
 
Also ging ich hin. Und guckte mir das an. Und kaufte Lehrbücher und beklebte Ordner mit den Namen meiner Professoren und hatte auf einmal “Kommilitonen”. Alles schick also.

 

Ich hatte das Unmögliche geschafft:

 
Von einer Langzeitreise zurückkehren und nahtlos wieder in den Alltag einsteigen.
 

Das Hochgefühl hielt ungefähr einen Monat an. Dann kamen die Fragen. Und der Song. Ich hörte ihn zum ersten Mal an einem kalten Oktobertag. Wie jeden Morgen fuhr ich mit meinem kleinen Chevi über die A100 zur Uni. Berlin war bunt vom Herbst und ich noch müde vom frühen Aufstehen.
 
Alltag hatte nur allzu schnell wieder Einzug in mein Leben gehalten und insgeheim spürte ich bereits, dass eine halbherzige Immatrikulation an der Uni als Motivation für die drei folgenden Jahre vielleicht doch nicht ausreichen würde.

 

Aber eine Alternative hatte ich auch nicht.

Also ging ich weiter hin.

 

Der Song knallte dann wie eine Backpfeife. Schon als die ersten Töne aus dem Radio kamen, war klar: Der wurde für mich geschrieben.
 
Und wenn nicht für mich, dann doch zumindest für Leute wie mich. Leute, die ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht kannte, aber von denen ich auf einmal wusste, dass es sie gab.
 
Und ich wusste das deshalb, weil dieser Song im Radio lief.
 
Er erzählte vom Reisen und vom Abenteuer und hatte eine rotzfreche Attitüde, die bei mir ordentlich Eindruck hinterließ. Hier sang einer, der seinen eigenen Weg ging und dem es egal war, was die anderen davon hielten. Und das wollte ich auch.

 
Ich hatte so viele Fragen und wusste, dass die Antworten nicht an einem Ort begraben lagen, wo schon Millionen anderer gebuddelt hatten.
 

In den folgenden Tagen kam der Song immer wieder. (Damals noch) Motor FM spielte ihn rauf und runter. Und er kitzelte mich und ärgerte mich und machte den kurzen Weg vom Parkplatz in den Vorlesungssaal immer unerträglicher. Bis ich ihn eines Tages zum letzten Mal ging.
 
Der Tag meiner Exmatrikulation war ein sonniger im Spätherbst. Keine Blätter hingen mehr an den Bäumen, Berlin war kahl und der Winter im Anmarsch. Die Uni hatte eine Studentin weniger und ich nichts mehr zu verlieren, aber alles zu gewinnen.

 

Auf dem kurzen Weg zum Auto lächelte ich. Und schaute nicht zurück.

 

Dass auf dem Heimweg dann ausgerechnet der Song im Radio lief, lag natürlich nur daran, dass er für diesen Tag auf der Playlist von Motor FM fest eingeplant war und deshalb so und so oft gespielt werden musste – klar, dass er früher oder später laufen würde, wenn ich nur lange genug im Auto saß.

 

Und doch bin ich mir sicher:

 
In diesem Moment lief er nur für mich.
 

Es sollten noch drei Jahre vergehen, bis ich das Auto verkaufen, auf meine nächste lange Reise gehen und mit dem Schreiben beginnen würde.
 
Und in diesen drei Jahren sollte ich noch ziemlich oft zweifeln, auf die Schnauze fallen und falsche Fährten verfolgen auf dem Weg zu dem Leben, von dem mir der Song an diesem einen kalten Oktobertag erzählt hatte.
 
Aber der Anfang war gemacht. Und auch wenn ich noch nicht genau wusste, wohin mich das alles führen würde, so wusste ich doch, dass ich nichts weiter tun musste, als an diesem Gefühl festzuhalten und darauf zu vertrauen, dass es mich nicht in die Irre führen würde. Und so war es dann auch: Meine ist heute irgendwie eine Reisegeschichte. Und sie geht weiter.
 
Und der Song, der damals im Radio lief, war dieser hier:

 

Frank Turner: The Road

 

To the east, to the east, the road beneath my feet.
To the west, to the west, I haven’t got there yet.
To the north, to the north, never to be caught.
To the south, to the south, my time is running out.

Ever since my childhood I’ve been scared, I’ve been afraid,
of being trapped by circumstance, of staying in one place,
and so I always keep a small bag full of clothes carefully stored,
somewhere secret, somewhere safe, somewhere close to the door.
Well I’ve travelled many countries, washed my feet in many seas,
I’ve drunk with grifters in Vienna and with punks in old DC,
and I’ve driven across deserts,
driven by the irony that only being shackled to the road could ever I be free.

To the east, to the east, the road beneath my feet.
To the west, to the west, I haven’t got there yet.
To the north, to the north, never to be caught.
To the south, to the south, my time is running out.

I’ve felt old before my time
but now I keep the age away by burning up the miles and by filling up my days.
And the nights, a thousand nights I’ve played, a thousand more to go,
before I take a breath, and steel myself for the next one thousand shows.

To the east, to the east, the road beneath my feet.
To the west, to the west, I haven’t got there yet.
To the north, to the north, never to be caught.
To the south, to the south, my time is running out.

So saddle up your horses now and keep your powder dry,
because the truth is you won’t be here long, yeah soon you’re going to die.
To the heart, to the heart, there’s no time for you to waste,
and you won’t find your precious answers by staying in one place,
by giving up the chase.

To the east, to the east, the road beneath my feet.
To the west, to the west, I haven’t got there yet.
To the north, to the north, never to be caught.
To the south, to the south, my time is running out.
To the south, to the south, my time is running out.
To the south, to the south, my time is running out.

I face the horizon, everywhere I go.
I face the horizon, the horizon is my home.

 

 

…I face the horizon, everywhere that I go.
I face the horizon, the horizon is my home.

 

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Gesa Neitzel

Hallo! Schön, dass du da bist. Ich bin Gesa aus Berlin und mir gehört der Laden. Hier erzähle ich von meinen Reisen um die Welt und immer auch ein Stück mehr zu mir selbst.

  1. Wow, was für ein schöner Song! Und eine tolle Geschichte dazu.
    “I face the horizon, the horizon is my home.” bringt’s auf den Punkt.
    Ich habe gar nicht den einen Song, der mich antreibt, eher eine ganze Liste davon. Darüber zu schreiben, steht schon länger auf meiner To-Do-Liste. Bekommt jetzt Prio 1. ;-)

  2. Nina sagt:

    Was für eine schöne Geschichte und ein wundervolles Lied!
    Auch für mich gibt es ein Lied, dass vieles verändert hat. Er begleitet mich noch gar nicht lange (erst einige Wochen), aber ich bin sicher, dass wenn ich in 10 Jahren zurückblicke, werde ich genau das darüber sagen. Es ist ein Lied, das ich zuvor schon viele Male gehört habe und keine Bedeutung hatte.
    Aber manchmal gibt es Situationen im Leben, die die Antennen neu ausrichten. So die Geburt meiner Tochter im April. Manchmal verläuft alles ganz anders als geplant und manchmal ist man gar nicht vom ersten Moment an Mutter, so wie es sein soll. Man macht sich Vorwürfe und zweifelt so viel. Und plötzlich kommt dieses ganz banale Lied, das alles ändert und Schleusen öffnet. Es verschafft einem Zugang zu seinem eigenen Inneren und ändert alles. Zum postiven. Eine Reise zu meiner Tochter. Und es vergeht seither kein Tag, an dem ich es nicht mit ihr gemeinsam höre und singe.
    Mein Lied ist “When I see your face” von Bruno Mars.

    “When I see your face
    There’s not a thing that I would change
    ‘Cause you’re amazing just the way you are
    And when you smile
    The whole world stops and stares for awhile
    ‘Cause girl you’re amazing just the way you are.”

  3. Mandana sagt:

    Ich kann so gut verstehen, dass dich die Musik wieder in deine Realität zurück geholt hat (und damit meine ich genau nicht das Uni Leben). Schön, dass du dich von den kleinen Dingen leiten lässt :)
    Ich habe ein Lied das mich bei meinen Reisen in Tasmanien verfolgt hat. Fast jeden Abend hatten wir ein Feuer an einem See, im Wald, an einem Bachlauf oder mitten im wundervollen Nirgendwo aber immer mit Gitarre oder großartigen Musikern! Wagon Wheel von Old Crow Medicine Show, auch wenn es rein inhaltlich nicht 100% mit meinen Reisen übereinstimmt, bekam DAS Lied der Lieder für mich! Natürlich geht in manchen Momenten trotzdem nichts über “On the road again” :D

  4. sehr schöner Text, toller Song!

    Wenn ich einen Song herausheben müsste, wäre das “long nights” von Eddie Vedder. Ich hatte den “into the wild”-Film schon vor meinem ersten Aufbruch 2009 gesehen, damals war es “nur” ein guter Film. Wiederbegegnet ist mir der Soundtrack 2011, als ich auf einer goldenen Welle ritt, mystische Erlebnisse in den Ruinen von Angkor machen durfte und schließlich der Liebe begegnete. Nach und nach wurden die lyrics alle wahr. Seit meinen eigenen Reisen und der speziellen Verbindung mit dem Soundtrack, haut mich der Film heute jedes Mal um und wenn ich die ersten Sekunden von “long nights” höre, bekomme ich Gänsehaut. Danke fürs teilen”! Liebe Grüße!

    Oleander

  5. julia sagt:

    Ja, Musik kann sowas… Eddie Vedder ist natürlich auch ein Meister was Sehnsucht angeht und in Verbindung mit dem Film, wahnsinn. Da bin ich ganz bei dir, Oleander!
    In Sachen Liebe haut mich immer wieder die Stimme von Caleb von Kings of Leon um.
    Vor meiner ersten Asienreise hab ich zufällig mal wieder “I got a name” von Jim Croce gehört. Seitdem begleitet mich dieser Song bei allen Reisen und löst sofort ganz schlimmes Fernweh aus.

    Movin’ me down the highway
    Rollin’ me down the highway
    Movin’ ahead so life won’t pass me by

    And I’m gonna go there free
    Like the fool I am and I’ll always be
    I’ve got a dream, I’ve got a dream

    Ich hör dann mal jetzt ein bisschen Musik.. :)

  6. Gesa Neitzel sagt:

    “And those who were seen dancing were thought to be insane by those who could not hear the music.”

    ― Friedrich Nietzsche

  7. Ich bin gerade erst über deinen Blog gestolpert und jetzt schon überzeugt. Und wenn es nur wegen Frank Turner und dem Song ist, ich bleibe ;)!

  8. Christoph sagt:

    Tja, Gesa, die absolute und unantastbare Nummer eins hast du mir da oben ja schon weggenommen, deshalb wähle ich All Time Favourite Nummer 2:

    “Los, hoch mit euch”, rief Guide Sam, als es noch stockdunkel war. “Ihr habt fünf Minuten, dann müssen wir los.” Wir rieben uns die Augen und konnten beim Blick auf die Uhr nicht wirklich glauben, dass wir tatsächlich um 4:30 Uhr nachts aus unseren Schlafsäcken gescheucht werden, um mit dem Bus durchs australische Outback zu fahren.

    Keine Zeit zum Zähneputzen, nur schnell aufs Klo (means: offenes Feld) und ab dafür. Ich muss dazu sagen, dass man mir wirklich wenig Schlimmeres antun kann, als mich aus dem Tiefschlaf zu reißen und mich in einen nachtkalten Bus zu setzen. Doch Sam wusste, was er tat.

    Langsam zeichneten sich in der Ferne die ersten Konturen der morgendlichen Welt ab – einer Welt, die im Zentrum dieses Kontinent zu Großteilen aus flachem Land und ein paar Sträuchern zu bestehen scheint. Doch mit dem Aufgang der Sonne verwandelte sich das tot geglaubte Outback in einen wunderschönen Ort. Mit noch immer benebeltem Kopf schaute ich aus dem Fenster und sah, wie die Sonne nicht nur den Himmel rot färbte, sondern auch der Erde ihr schwarzes Nachthemd entriss und die Sicht auf ihr endloses Rot freigab.

    In dem Moment schaltete Sam das Radio ein – und ich dachte kurz darüber nach, ob ich vor Glück weinen möchte. Der Zeitpunkt war perfekt, es lief “Little Lion Man” von Mumford & Sons. Sowas kann man nicht planen. Sam konnte nicht wissen, dass der Song läuft – und dass ich ihn liebe. Und doch hat er in diesem Moment alles richtig gemacht.

  9. […] Gesa Neitzel bei It’s kind of a travel story… […]

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