Picture061-1-1

Will Shakespeare: Seine Anfänge in London.

London im 16. Jahrhundert – eine Stadt auf dem Weg zur Weltmetropole, eine Stadt voller Extreme, eine Stadt voller Möglichkeiten für einen jungen Poeten aus der Provinz! Shakespeares erste Jahre in London gelten als „verloren“ – es gibt wenig bis gar keine Aufzeichnungen, dafür aber umso mehr Spekulationen.
 
Um trotzdem ein Gefühl für den jungen Will zu bekommen, habe ich die Stadt besucht, in der er zum Star avancierte und mir einmal in bunten Farben ausgemalt, wie das damalige London auf ihn gewirkt haben muss…
 
IMG_6504-1
 
Es wird gesagt, dass Will im April 1564 in Stratford geboren wurde. Er war ein ganz normaler Junge vom Dorf, ging zur Schule, spielte im Matsch und verschlang die Heldensagen von Odysseus, Achilles und Hector wie wir heutzutage die von Frodo, Bilbo und Harry Potter. Will wuchs auf in einer Zeit der Umbrüche.
 
Heinrich VIII hatte mit der katholischen Kirche gebrochen und Anne Boleyn geköpft; jetzt saß zum ersten Mal eine Frau auf dem Thron – seine Tochter Elisabeth; die Engländer waren auf einmal nicht mehr katholisch, sondern evangelisch und neue Ideen aus der ganzen Welt schwappten an die weißen Klippen von Dover wie Strandgut…. Was für eine spannende Zeit!
 
IMG_0562
 
Will heiratete mit nur achtzehn Jahren die acht Jahre ältere Anne Hathaway und die beiden bekamen drei Kinder. Mit Anfang zwanzig ließ Will Frau und Kinder jedoch in Stratford zurück, um seinen Traum zu leben.
 
Das klingt fies – ist es aber nicht. Will hatte eine Familie zu ernähren und ging dorthin, wo die Arbeit war – nach London.
 
Ich stelle mir den jungen Will so vor: Ein schüchterner Junge vom Lande, sensibel, intelligent und clever; ein junger Künstler mit Hoffnung in den Augen, aber keinem Geld in den Taschen; ein Gesicht von vielen im flüchtigen Chaos der Großstadt.
 
Wie muss sich dieser Bursche gefühlt haben, als er in London ankam?
 
Die Verantwortung für seine Familie auf den Schultern und einen kleinen Sack voll Klamotten; die Angst vor der Großstadt und vor dem Scheitern; die Schreibfeder im Gepäck und einen Haufen voller Ideen, die nur darauf warteten, zu Papier gebracht zu werden…
 
Wahrscheinlich kam Will über die Themse.
 
Vielleicht ging er nach seiner Ankunft in eines der Londoner „Inns“ – ins „Black Bull“ zum Beispiel – dem damaligen „Sankt Oberholz“ von London.
 
Hier bekam er für einen Penny eine warme Mahlzeit und ein Dach über dem Kopf. Auf den Großstadt-Schock gönnte er sich bestimmt erst mal einen „Huffe-Cup“ oder einen „Mad Dog“ – selbstgebraute Biere, die wie die Häuser von Hogwarts klingen und einem die Schuhe auszogen.
 

IMG_6507
 
Ich stelle mir vor, dass Will sich am nächsten Morgen im Großstadt-Wirrwarr erst mal ordentlich verlaufen haben muss. Die Stadt platzte vor Menschen, Gerüchen, Geräuschen und Eindrücken.
 
Fast 200.000 Menschen lebten hier und jeden Tag wurden es mehr! Sicher muss es eine Weile gedauert haben, bis Will sich eingelebt hatte.
 
Dann wird er aber schnell herausgefunden haben, dass Shoreditch „the place to be“war. Hier tummelten sich die Theaterleute. Shoreditch war der erste Theaterbezirk Londons und James Burbage hatte gerade das erste öffentliche Theater gebaut.
 
Shoreditch war jung, kreativ, lebendig – aber auch gefährlich! Wenn Will noch keins hatte, wird er sich zuallererst wohl ein Schwert zugelegt haben.
 
William Shakespeare gilt als der größte Poet aller Zeiten.
 
Schwer vorstellbar, dass auch er ganz klein angefangen haben muss. Wie kam er wohl an seinen ersten Job, frage ich mich. Das Theater im 16. Jahrhunderts war wie die Filmindustrie heute – wer nach ganz oben wollte, musste ganz unten anfangen. 
 
Was heute beim Film der Kabelträger ist, war damals der Pferdehalter. 
 
Vielleicht hat Will ja so angefangen. Während die Adligen die Vorstellung genossen, passte er auf deren Pferde auf und nach getaner Arbeit nahm er noch einen Absacker im Pub, um Kontakte zu knüpfen.
 
Vielleicht traf er hier auf James und Richard Burbage – Vater und Sohn, sie begleiteten Shakespeare durch seine ganze Karriere (James stellte das Theater, Richard spielte die Hauptrollen in seinen Stücken).
 
Früher oder später wird er auch einen anderen Mann kennen gelernt haben, den Mann, der im Londoner Theater den Ton angab, den Mann, dem er schon bald den Rang ablaufen würde: Christopher Marlowe. Christopher war im gleichen Alter wie Will, doch hatte er studiert. Schreiben fürs Theater hieß Schreiben wie Marlowe.
 
Wer ein Stück vom Kuchen haben wollte, musste sich seinem Schreibstil anpassen – und das tat Shakespeare mit großem Erfolg! Schon bald entwickelte er aber seinen eigenen Stil und arbeitete für zwei verschiedene Theaterhäuser, dem „Curtain“ und dem „Theatre“ – die größeren Theaterhäuser, das „Rose“, das „Swan“ und das „Globe“, folgten später, genau wie Aufführungen zu Hofe in Whitehall, Richmond und Greenwich, zu denen auch die Königin anwesend war.
 
Picture048
 
Im Gegensatz zu Marlowe, der als selbstverliebt und arrogant galt, machte Will Karriere, indem er schrieb, was das Publikum mochte. Er hatte ein Gespür für gute Geschichten und basierte seine Stücke meist auf bereits bestehenden Handlungen, das beste Beispiel hierfür ist wohl Julius Caesar. Seinen Durchbruch verdankte er aber zwei anderen Stücken, mit denen er eine Goldader traf: 
 
Hamlet und Romeo und Julia.
 
Beide Stücke sind auf ihre ganz eigene Art so magisch und aufregend, wie Theater nur sein konnte und stellen Wills unvergleichliches Talent unter Beweis. London erkannte und schätzte dieses Talent und bescherte ihm einen wahren Höhenflug, rasend schnell avancierte er zum gefragtesten Poeten seiner Zeit – und das mit nur 25 Jahren.
 
Wahrscheinlich hatte er viele Bewunderer, Neider und Fans und es wird gemunkelt, dass er seiner Frau Anne nicht immer treu war…
 
Mit 30 befand sich Will auf seinem kreativen Hoch und schloss sich schließlich den „King’s Men“ an – der größten und erfolgreichsten Theatergruppe Englands.
 
Ohne Zweifel hatte er sehr viel Glück:
 
Er arbeitete mit einer stabilen und erfolgreichen Theatergruppe und stand auch nach dem Machtwechsel (von Königin Elisabeth zu König Philipp) in der Gunst des Monarchen. Gestartet mit leichter Unterhaltung schaffte er den Absprung zu tiefer gehenden Stücken und entwickelte sich zu einem gereiften Künstler, der nicht nur seine persönlichen Erfahrungen, sondern auch gesellschaftliche Missstände in seinen Stücken verarbeitete.
 
Doch angefangen hat er als ein ganz normaler, junger Mann mit Talent und einem Traum; ein Mann, der das Glück hatte, in eine Zeit der Globalisierung und Veränderung geboren zu werden – in eine Zeit, die der unseren erstaunlich ähnelt.
 
Auch wir befinden uns auf einer Brücke zwischen der alten Welt und der neuen.
 
Und ist es nicht ein spannender Gedanke, dass genau jetzt in diesem Augenblick ein neuer Shakespeare durch dieselben Londoner Straßen wandern könnte?
 
Ein junger Künstler mit Talent und einem Traum, mit Hoffnung in den Augen, aber keinem Geld in den Taschen; ein Gesicht von vielen im flüchtigen Chaos der Großstadt…
 
Picture047-2

Quellen:
Shakespeare Ausstellung “Shakespeare: Staging the world” – British Museum, London
_12stamp    

...Willst du geheime Geschichten

direkt ins Postfach bekommen?

   

Gesa Neitzel

Hallo! Schön, dass du da bist. Ich bin Gesa aus Berlin und mir gehört der Laden. Hier erzähle ich von meinen Reisen um die Welt und immer auch ein Stück mehr zu mir selbst.

... Ich möchte auch was dazu sagen:

Hierlang für noch mehr Abenteuer!schliessen
oeffnen