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Was ist Storytelling? (1)

“Der Mensch ist von Natur aus ein Geschichten erzählendes Tier.” – Umberto Eco

 

Storytelling. Der Begriff ist irgendwie bekannt. Wie er sich aber täglich in unseren Alltag schleicht, nehmen nur wenige bewusst wahr. So viel steht trotzdem fest:

Längst nicht mehr sind es nur die Schriftsteller und Regisseure und Drehbuchautoren dieser Welt, die uns “einen vom Pferd erzählen” (die Redewendung ist übrigens in sich selbst eine der meist erzählten Geschichten der Menschheit: die Eroberung Trojas durch ein Holzpferd mit Griechen im Bauch)  - sondern auch Unternehmen, Manager, Politiker, Werbetreibende und - seit jeher – der Nachbar im Treppenhaus.

Seit der Steinzeit waren/ sind es die Geschichten, die wir erzählen, die unserer Welt erst Bedeutung geben, eine Kultur oder Gesellschaft definieren oder Bande zwischen bestimmten Menschen schaffen.

 

Wir Menschen sind “natural born storytellers.”

 

Aber was ist überhaupt eine Geschichte? Oder vielmehr: Was macht eine Geschichte zu einer Geschichte? Und warum zur Hölle ist das für mich überhaupt wichtig?

 

Die Rahmenbedingungen

Drei Dinge müssen gegeben sein, damit eine Geschichte überhaupt zustande kommt:

 

1. Eine Ausgangssituation

2. Ein Ereignis

3. Eine neue Situation / Eine Konsequenz aus dem Ereignis

 

Das Ereignis ( oder eine Abfolge von Ereignissen) allein macht aber noch keine (gute) Geschichte aus. Was sie braucht, sind Charaktere, Menschen! denen bestimmte Dinge passieren oder die gewisse Handlungen vollziehen.

 

WEM passiert WAS und WARUM?

 

Wenn wir eine Geschichte erzählen, sind das die Ausgangsfragen, die wir uns stellen (bewusst oder unbewusst), damit die Story “rund” wird.
 

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Aber wann ist eine Story rund?

 

Um die Frage zu beantworten, müssen wir uns zunächst eine weitere stellen: Warum werden Geschichten überhaupt erzählt?

Handelt es sich um Geschichten in einem Roman, einem Film oder einem Theaterstück, so scheint der Zweck in erster Linie Unterhaltung zu sein. Im Hintergrund findet aber weitaus mehr statt. Während wir entspannt mit dem Eimer Popcorn im Kinosessel fläzen, haben die Autoren, die Regisseure, die Schauspieler – kurz: die Erzähler der Geschichte, die “Storyteller” – noch ein weiteres Anliegen als bloß unsere Unterhaltung:

Sie wollen eine Botschaft vermitteln, eine Idee im Gehirn des Zuschauers, des Lesers, des Publikums pflanzen. Der Film “Inception” bringt genau diesen Anspruch wunderbar auf den Punkt.

Und genau aus diesem Grund wurden Geschichten schon immer erzählt: Um Ideen, Werte und Wissen zu transportieren – von einem Kopf zum nächsten.

 

Eine Geschichte ist also dann rund, wenn sie genau dieses Ziel erreicht, wenn die Idee ankommt. 

 

Sie kommt aber nur an, wenn ich, der Konsument der Story, mich beim konsumieren auch unterhalten fühle. (Es sei denn, ich bin z.B. ein Student, der sich durch einen dicken Wälzer kämpfen MUSS, weil er nur so an das gebrauchte Wissen gelangen kann.)

Um zu erreichen, dass seine Idee ankommt, fällt der Erzähler (wieder: bewusst oder unbewusst) eine weitere Entscheidung:

 

Wie soll ich meine Geschichte erzählen?

 

Heutzutage meint diese Frage vor allem auch: Welches Medium soll ich wählen?

Fernsehen? Buch? Internet? Vortrag? Ich-Erzähler oder allwissender Erzähler? (Ja, die Schulzeit kommt grad aus dem Hinterkopf hervorgekrochen…) Text? Foto? Film?

 

Die Frage nach dem “Wie” ist wichtiger denn je.

 

Was wir nämlich verstehen müssen, ist folgendes: Unsere Zielgruppe ist satt. Pappsatt, sogar.

Wir wissen das, denn unsere Zielgruppe sind wir selbst. Du und ich, die tagtäglich Social Media, Werbung, Fernsehen und sozialen Interaktionen ausgesetzt sind, wir sind vollgestopft bis oben hin mit Informationen und können gar nicht mehr aufnehmen. Eigentlich bräuchten wir dringend eine Pause. Nicht umsonst gibt es neuerdings “Digital Detox Resorts.”

Ein (zugegeben: sehr LANGES, aber dennoch treffendes) Zitat von Jean-Luc Godard bringt das mal auf den Punkt:

 

“Wir werden täglich mit Unmengen an «visuellem Abfall» konfrontiert, der uns die Fähigkeit raubt, Bilder in ihrer Manipulationskraft kritisch zu deuten. Auf Facebook wird ein Inszenierungsspiel betrieben, das viel zu häufig mit der Realität verwechselt wird. Die Folgen sind frappierend. Anstatt sich vernetzt zu fühlen, verlieren wir uns in einem Strom aus Scheinwelten, die in ihrer Suggestivkraft im Sekundentakt neue Bedürfnisse hervorrufen: das Bedürfnis, auf einen Link zu klicken; das Bedürfnis, ein Produkt zu kaufen; das Bedürfnis, mit einem Bekannten Kontakt aufzunehmen; das Bedürfnis, so zu leben wie die anderen. Die Spirale führt, anstatt ein Gefühl der Sättigung hervorzurufen, in endlose rezeptive Gier.”

 

Was bedeutet das nun für unsere kleine Geschichte, von der wir doch aber felsenfest überzeugt sind, dass sie sehens-, lesens-, hörenswert ist?

 
…Die Antwort gibt es schon morgen im zweiten Teil.

(Ich bitte um Verzeihung für den Mehrteiler, aber der Artikel wurde einfach zu lang.)

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Gesa Neitzel

Hallo! Schön, dass du da bist. Ich bin Gesa aus Berlin und mir gehört der Laden. Hier erzähle ich von meinen Reisen um die Welt und immer auch ein Stück mehr zu mir selbst.

  1. Liebe Gesa, finde es super, dass Du was über dieses Thema schreibst. Da überschneiden sich ja unsere Bereiche kräftig. Meine Entscheidung ist ziemlich klar: ich habe mich für das Live-Erzählen entschieden – obwohl ich in letzter Zeit auch mehr und mehr in meinen Blogs schreibe. Die Frage “wie erzähle ich diese Geschichte” taucht bei jeder neuen Erarbeitung von Geschichten auf, das ist ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit. Es geht immer wieder darum den stimmigen Weg zu finden, wie ICH diese Geschichte inszeniere…

    Was die Scheinwelt anbetrifft, begegne ich in letzter Zeit immer mehr Menschen, die gerade aus dem Grunde es geniessen, nicht über die Medien sondern von Mensch zu Mensch Geschichten zu hören. Da scheint also nicht nur eine Sättigung , sondern auch ein gewisses Vakuum entstanden zu sein…

    Ja, Storytelling hat viel Power und damit auch die Gefahr, dass andere damit manipuliert werden können. Da habe ich schon bei manchen Bauchweh, wenn Erzählungen dafür verantwortungslos genutzt werden, um Bedürfnisse zu erwecken und die Gier zu steigern.

    Kennst Du die Blogparade von 2013 “Are we all storytellers? – Storytelling in neuen Kontexten”, da gab es interessante Beiträge.

    Bin gespannt auf Deine Fortsetzung!
    LG, Uschi

  2. Gesa Neitzel sagt:

    Hallo Uschi,

    Vielen Dank für deine Gedanken zu dem Thema.
    Das scheint mir tatsächlich mal eine lesenswerte Blogparade zu sein. Danke auch für die Lese-Empfehlung!

    Die Fortsetzung kommt wie erwähnt bereits morgen. Und auch in Zukunft werde ich mich mit dem Thema intensiv auseinandersetzen.

    Liebe Grüße und eine schöne Woche,

    Gesa

  3. […] Gesa Neitzel bei Was ist Storytelling? (1) […]

  4. […] einmal ganz anders Gedanken zu machen übers Geschichten Erzählen, oder genauer gesagt: übers gute Geschichten erzählen. Und wo ich schonmal da war, habe ich nachgelesen, wie Gesa sich in Frankreich verknallt hat. Ist […]

... Ich möchte auch was dazu sagen:

Hierlang für noch mehr Abenteuer!schliessen
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