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Was ist Storytelling? (2)

Gestern stellte ich im ersten Teil von “Was ist Storytelling?” die Frage, wie wir mit unserer eigenen kleinen Geschichte, von der wir felsenfest überzeugt sind, dass sie sehens-, lesens-, hörenswert ist, nicht untergehen in der Informationsflut unserer Zeit.
 

Heute nun die Antwort: TRY HARDER. 

 

Wenn du willst, dass mich deine Geschichte bewegt, dann langweilige mich nicht mit Altbekanntem, Klischées oder Belanglosem. Finde neue Wege für deine Story. Geh die Extrameile. Finde das richtige Medium. (Ich rede jetzt mit mir selbst)

 

Es ist unverzichtbar geworden, sich nicht nur Gedanken um das “warum” zu machen, sondern auch um das “wie”.

 

Ein Beispiel: Vor einiger Zeit schaffte es eine Gruppe junger Filmemacher, ein Projekt über Crowdfunding zu finanzieren. Es ging dabei um Tiefseetaucher, wenn ich mich recht erinnere. Ziel des Projekts war es, mehrere Filme in Spielfilmlänge zu produzieren und diese der “Crowd” anschließend auf Youtube zur Verfügung zu stellen.

Das Projekt scheiterte. Nicht an der Umsetzung, die war sogar sehr gelungen. Nein, es scheiterte an den Views, die auf unerklärliche Weise ausblieben. Das Ding ging einfach nicht durch die Decke. Die Macher hatten beim ersten Film mit über 2 Millionen Views gerechnet – und kamen hier schon nur auf 500.000 Tausend oder so. Bei den folgenden Filmen wurden es immer weniger.

 

Warum? Was ist da schief gelaufen?

 

Eine von mehreren Vermutungen: Youtube eignet sich nur bedingt für Spielfilmlänge. Ich kenne das von meinen eigenen Gewohnheiten im Internet: Wenn ein Video länger als drei Minuten ist, überlege ich mir im Vorfeld, ob es für mich überhaupt einen Mehrwert hat. Meistens habe ich auch gar nicht die Zeit, um mir 90 Minuten reinzuziehen.

Wenn du dich also dafür entscheidest, eine Doku in Spielfilmlänge zu machen, wäre es vielleicht eine weisere Entscheidung, diese z.B. in ausgewählten Kinos zu zeigen o.ä. Ich sage nicht, dass ich selbst schon verinnerlicht habe, was das bedeutet, ich erkenne es nur an meinem eigenen Nutzungsverhalten:

 

Ich bin verdammt flüchtig.

 

Und wenn ich mir tatsächlich ein Video anschaue, entscheiden die ersten drei Sekunden (DREI SEKUNDEN!!!), ob ich dranbleibe oder nicht. Das gleiche gilt im Übrigen für den ersten Satz eines Artikels, für das erste Foto einer Bildergeschichte oder für die Begrüßung in einem Podcast.

 

Bedeutet: Wie wir unsere Geschichte beginnen, ist von zentraler Bedeutung.

 

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Neulich habe ich mein Schmöker-Verhalten im Buchladen analysiert. Vier Dinge sind für mich entscheidend, ob ich ein Buch kaufe:

1. Das Cover. Spricht es mich nicht an, nehme ich das Buch gar nicht erst in die Hand.

2. Der erste Satz. Wir hatten es oben. Der erste Satz muss Killer sein!

3. Die Handlung. Ja, ist tatsächlich so: Erst nachdem ich den ersten Satz gelesen habe, schaue ich auf den Klappentext, worum es überhaupt geht.

4. Relevanz. Was für mich nicht von Bedeutung ist, nehme ich gar nicht wahr. (Die Wissenschafts-Abteilung bei Dussmann? Ich weiß noch nicht mal, wo die ist…)

Und noch weitere Dinge spielen mit hinein:

Was sagen andere über das Buch? Wer hat es geschrieben? Mag ich diese Person? Wo im Buchladen steht sein/ ihr Buch? (Finde ich es in der hintersten Ecke oder springt es mich bereits an, sobald ich den Lande betrete?)

Die Spiegel-Bestseller-Liste ist nicht zuletzt deshalb doch wichtig: Der allgemeine Konsument ist entscheidungsfaul. Wir lassen uns gern beeinflussen (auch wenn wir das nicht zugeben würden). Wir verlassen uns gern auf das Urteil anderer. Was ein Bestseller ist, kann ja so schlecht nicht sein. Und: Wir können wenigstens mitreden.

Nicht zu vergessen sind außerdem auch noch andere Einflüsse wie: Mein Geldbeutel, meine Laune, wie viel Zeit ich zur Verfügung habe, ob ich in Gesellschaft bin oder allein…

 

Was bedeutet das für uns Geschichtenerzähler im Internet?

 

1. Unser “Cover” muss zu unserer Geschichte passen, sprich: unsere Website, unser Blog, unser Rahmen muss zu dem Gemälde passen, das wir verkaufen wollen. Ich kann nicht Bananen verkaufen, wenn mein Laden so aussieht, als hätte ich nur Äpfel im Angebot.

2. Der erste Eindruck ist ungeheuer wichtig. Womit beginne ich meine Geschichte? Wie packe ich den Leser?

3. Fans & Follower sind wichtig. Hier gilt nicht unbedingt: Je mehr, desto besser. Sondern vielmehr, dass die richtigen Menschen mich finden. Wer keine Bananen mag, der wird auch keinem Menschen zuhören, der einem ständig welche andrehen will.

4. Bei allem, was wir teilen, erzählen, posten, müssen wir uns fragen: Ist das in irgendeiner Form für irgendwen relevant oder einfach nur überflüssig? Denn überflüssig heißt: Sieht sowieso keiner. (Jemals gefragt, warum ein bestimmter Inhalt auf Facebook keine “Likes” bekommt?)

 

überflüssig

 

…Darum.

 

Alles klar, und warum interessiert mich das jetzt?

 

 Warum es dich interessiert, kann ich dir nicht sagen, aber immerhin hast du bis hierher gelesen. Es muss also eine Relevanz für dich haben. Warum mich das Thema Storytelling interessiert, weiß ich: Um irgendein Produkt – egal welches: E-Books, Apps, Fotografien, Notebooks, Äpfel, Bananen – an den Mann zu bringen, müssen wir unsere Geschichte gekonnt rüberbringen, sonst kauft sie uns wortwörtlich niemand ab.
 

Der Hype um Storytelling hat den Beruf des Bloggers erst möglich gemacht.

 
Geschichten, wenn richtig erzählt, sorgen dafür, dass ich mich als Konsument auf einer persönlichen Ebene angesprochen fühle. Geschichten schaffen Vertrauen. Geschichten rufen Emotionen hervor. Und Emotionen sind stärker als jeder Fakt. Geschichten “menscheln.” Und Menschlichkeit ist in unserer schnelllebigen, digitalen und reizüberfluteten Welt ein entscheidendes Verkaufsargument.

Vor meiner Haustür gibt es zwei Kaffeeläden. In dem einen wusste der Kaffeemann nach zwei mal Latte zum Mitnehmen meine Bestellung auswendig und gibt mir seitdem jeden Morgen das Gefühl, dass er schon auf mich gewartet hat; in dem anderen Laden schaut mir in den fünf Minuten vom Milchschäumen bis zum Kassieren nicht einmal jemand ins Gesicht. Wem gebe ich lieber mein Geld? Richtig.

 

Und die Moral von der Geschicht’…

 

Zum Schluss noch ein paar Worte zum Schluss. Genau: zum Ende einer Geschichte. Nicht nur der Einstieg ist wichtig, auch wenn er die größte Hürde ist, die es zu überwinden gilt. Nein, auch das Ende ist von zentraler Bedeutung. Wie “entlasse” ich meine Leser? Was gebe ich ihnen mit auf den Weg? Wie gebe ich ihnen das Gefühl, dass es die richtige Entscheidung war, die letzten drei Minuten mit meinen Gedanken zu verbringen, anstatt mit all den anderen, die sie auch hätten wählen können?

Das Ende einer Geschichte entscheidet, ob ich als Leser einen Artikel teile oder nicht.

Nur wenn ich am Ende einer Story a) die Botschaft verstanden und b) in irgendeiner Form berührt, belehrt oder bereichert wurde, drücke ich auf den kleinen blauen Knopf, auf dem “Teilen” steht. “Gefällt mir” geht wesentlich schneller.

 

“Gefällt mir” ist ein Kuss auf die Wange.
“Teilen” ist Rumknutschen auf dem Rücksitz. 

 
ABER: Weder das eine oder das andere sollte beim Erschaffen einer Geschichte eine Rolle spielen. Wer nur noch für die “Likes” schreibt, der verliert schon bald das Öl, das er zum Fahren braucht: Das Herzblut.

Kreative Ideen lassen sich nicht erzwingen. Sie wachsen im Herzen, sie wollen erzählt werden und suchen sich einen Weg. Dennoch ist Social Media ein starkes Werkzeug, um die eigene Geschichte zu verbreiten.

…Teile darum am besten einfach diesen Artikel, wenn du auch kurz dachtest, die (2) oben in der Taskleiste sei eine Facebook-Benachrichtigung und nicht ein Teil meiner Artikelüberschrift. ;-)

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Gesa Neitzel

Hallo! Schön, dass du da bist. Ich bin Gesa aus Berlin und mir gehört der Laden. Hier erzähle ich von meinen Reisen um die Welt und immer auch ein Stück mehr zu mir selbst.

  1. Ben sagt:

    Hey Gesa,

    schöner Text, schön geschrieben.

    Definitiv ein must-read für ambitionierte newbie-Blogger da draußen!

    Weiter so!

    Ben

  2. Danke für die Nachhilfe-Minuten im gefühlvollen Erzählen von Geschichten. :-)

  3. Sven sagt:

    Hey Gesa,

    du schreibst echt genial. Ich konnte nicht aufhören zu lesen.

    Danke für die Inspiration.

    Sven

... Ich möchte auch was dazu sagen:

Hierlang für noch mehr Abenteuer!schliessen
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